In den letzten Wochen habe ich neue Workshop-Formate entwickelt, die ich u.a. zur LEARNTEC angeboten habe. Da das Feedback so positiv war, möchte ich einige meiner Erkenntnisse (wie auch Materialien) teilen. Ich habe mir bewusst viel Zeit genommen, um die diesjährige LEARNTEC und das Tekom Festival nach meinen Vorträgen und Workshops bewusst zu reflektieren. Mein FAZIT: Wir benötigen nicht noch mehr Wissen, Content, Plattformen oder Tools, sondern mehr echte Emotionen. Und fokussierte Orientierung im „Information Overload“.
Was meine ich damit genau?
Beruf und Arbeit kennen wir als professionelles Setting. Wir haben jahrelang versucht, ausschließlich über die sachliche Ebene zu kommunizieren und alles, was mit Emotionen und persönlichen Gefühlen zu tun hat, außen vor zu lassen. Mittlerweile stellen wir mehr und mehr fest, dass das nicht funktioniert. Wir sind nicht leistungsstärker, wenn wir Emotionen ausklammern und nur über die Sachebene agieren. Menschen sind menschlich, weil sie emotional reagieren und auch Fehler machen. Im privaten UND beruflichen Alltag. Wir müssen lernen, viel bewusster und sicherer mit Emotionen und Gefühlen anderer umzugehen. Nicht nur im privaten Umfeld, sondern auch im Job.
Zudem stellen wir fest: Wir haben mehr als genug Wissen. Uns fehlt es nicht an Informationen, sondern an Umsetzungskraft und Handlungskompetenz. Es fehlt an Orientierung im Overload. Es fehlt an Mut, Neugier und Leidenschaft, um für Themen zu brennen und diese aktiv zu gestalten. Und genau für diese Umsetzungsstärke braucht es positive Emotionen!!
Eines unserer größten Probleme ist, dass viele Menschen einen Beruf/ eine Tätigkeit/ eine Rolle ausüben, die sie nicht erfüllt. Die Menschen sind in Ihrem Job nicht glücklich. Es fehlen schlichtweg positive Emotionen im beruflichen Alltag. Oftmals hat sich sogar das pure Gegenteil als Realität manifestiert: Es überwiegt die Belastung, der hohe Workload und die Unzufriedenheit über verkrustete Strukturen oder sinnlose (bürokratische) Abäufe. Und das oftmals auch zurecht.

Spannend dazu war eine These von Hendric Mostert auf dem Tekom Festival, mit dem ich auf dem Abschluss-Panel zum Fokusthema „Transformation & transformative Kompetenzen“ saß und er den Standpunkt äußerte, dass eigentlich alle Führungskräfte eine traumapsychologische Begleitung bräuchten.
Okay – provokante These.
Einerseits verständlich, wenn man den Arbeitsalltag der Führungskräfte in der aktuellen Krisenzeit kennt. Auf der anderen Seite geht mir das dann doch zu weit. Die eigentliche Frage lautet ja:

Meiner Meinung nach müssen wir hier etwas differenzierter in die Analyse gehen und überlegen, wo haben wir eigentlich welchen Hebel? Wo können wir was, mit welcher Intensität bewirken?
Sind die Unternehmen dafür verantwortlich, eventuelle Traumata der Belegschaft aufzuarbeiten? Ich habe den Eindruck, dass gerade in öffentlichen Debatten zu viele Herausforderungen gleichzeitig in einen Topf geworfen werden. Das ist nicht hilfreich. Es erhöht die Komplexität in Zeiten der Krise und des technologischen Fortschritts, was insgesamt betrachtet kontraproduktiv ist.
Das ist der Grund, warum ich den Blick gerne zunächst auf wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse richte, um evidenzbasierte Entscheidungsgrundlagen zu erarbeiten. Für einen meiner Vorträge auf der LEARNTEC zum Thema „Lernkultur“ habe ich daher auf Basis von Literatur, aktueller Studienlage und im Sparring mit KI zunächst einmal analysiert, wo die organisationalen Herausforderungen im Bereich L&D in 2026 liegen (anbei meine Analyse als Slide-Deck).
Erschreckenderweise haben sich die Herausforderungen in den letzten 30 Jahren (!!!) kaum bis gar nicht verändert.
Was ich mich seit vielen Jahren frage:

Was passiert, wenn Lernen nicht nur informiert, sondern berührt? Wenn Teilnehmende nicht nur zuhören, sondern Zukünfte sehen, fühlen, diskutieren und selbst gestalten? Genau darum ging es in meinem letzten Workshop „Die Macht der Magic Moments aktiv nutzen“ auf der LEARNTEC 2026:

Lernen ist kein reiner Informationsprozess.
*Lernen ist Erfahrung.
*Lernen ist Emotion.
*Lernen ist Irritation.
*Lernen ist Reflexion.
*Lernen ist Gestaltung.
Und genau hier setzen Magic Moments of Learning an.
Was sind Magic Moments of Learning?
Magic Moments sind Lernerfahrungen, die dazu beitragen, abstrakte Inhalte kognitiv besser zu verarbeiten und später wieder abrufen zu können. Sie entstehen nicht zufällig. Sie werden aktiv gestaltet.
Ein Magic Moment ist kein netter Showeffekt, kein technisches Gimmick und kein dekoratives Extra. Ein Magic Moment ist ein bewusst gesetzter Erfahrungsanker im Lernprozess.
*Er kann überraschen.
*Er kann irritieren.
*Er kann emotional berühren.
*Er kann ein Bild erzeugen, das bleibt.
*Er kann einen Perspektivwechsel auslösen.
*Er kann eine komplexe Idee plötzlich greifbar machen.
Gerade in einer Zeit, in der KI Inhalte in Sekunden produziert, wird diese Unterscheidung immer wichtiger. Denn Content ist noch kein Lernen.
KI kann Texte, Bilder, Videos, Avatare, Lernpfade und ganze Kursmodule generieren. Das ist faszinierend und eröffnet enorme Möglichkeiten. Gleichzeitig wächst die Gefahr, dass wir immer mehr Inhalte produzieren, ohne zu fragen, ob diese Inhalte tatsächlich wirksam sind. Die eigentliche Zukunftsfrage im Learning lautet daher nicht:
Wie produzieren wir mehr Content?
Sondern:
Wie gestalten wir Lernräume, in denen Menschen wirklich ins Denken, Fühlen und Handeln kommen?



Warum Emotionen im Lernen so wichtig sind
Emotionen wirken wie ein Verstärker im Gehirn. Sie entscheiden mit darüber, ob Informationen im Langzeitgedächtnis landen — oder sofort wieder verpuffen. Das bedeutet nicht, dass Lernen permanent spektakulär, laut oder unterhaltsam sein muss. Es bedeutet auch nicht, dass jedes Lernangebot mit Effekten überladen werden sollte.
Aber es bedeutet: Wenn Menschen sich erinnern sollen, wenn sie etwas übertragen, anwenden und in ihren eigenen Kontext integrieren sollen, dann brauchen sie mehr als reine Informationsaufnahme:
*Sie brauchen Relevanz.
*Sie brauchen Identifikation.
*Sie brauchen Bilder.
*Sie brauchen Geschichten.
*Sie brauchen Momente, die Bedeutung erzeugen.
Genau deshalb lautet mein Motto seit vielen Jahren: Create Experiences, not Lessons. Ein gutes Lernangebot ist nicht einfach eine Abfolge von Inhalten. Es ist eine gestaltete Erfahrung.
Der Workshop als Zukünftelabor
In meinem Workshop auf der LEARNTEC 2026 ging es nicht darum, neue Technologien nur zu erklären. Die Teilnehmenden sollten sie erleben. Sprechende Avatare, KI-generierte mystische Wesen, ein augmentierter DeLorean als Zeitmaschine, 3D-Hologramme in Kombination mit einem analogen Moodboard, das waren meine Bausteine des ko-kreativen Zuküftelabors.
Gerade die Kombination aus Assoziationskarten und digitalen MAGIC MOMENTS erzeugten notwendige Aufmerksamkeit. Aber Aufmerksamkeit allein ist noch kein Lernen. Entscheidend ist die didaktische Einbettung. Ein DeLorean im Lernraum ist nicht einfach ein lustiger Effekt. Er öffnet eine Frage:
Welche Zukunft wollen wir eigentlich betreten?
Ein Hologramm ist nicht nur ein technisches Objekt. Es wird relevant, wenn es hilft, über Präsenz, Immersion und emotionale Verankerung im Lernen nachzudenken. Ein Avatar ist nicht nur ein KI-Feature. Er wird spannend, wenn wir fragen:
Welche Rolle spielen virtuelle Lernbegleiter künftig? Wie verändern sich Coaching, Beratung und Wissensvermittlung?
Und was bedeutet es, wenn Einstein, Nietzsche oder Ada Lovelace plötzlich als KI-generierte Sparringspartner im Lernprozess auftauchen? So werden aus Technologien keine Tool-Demos, sondern Denk- und Erfahrungsräume.


Vom Moodboard zur Lernwelt der Zukunft
Der Workshop war als ko-kreativer Prozess gestaltet. Im ersten Schritt entwickelten die Teilnehmenden ein gemeinsames Moodboard zum Lernen der Zukunft. Die Leitfrage lautete:
Wie könnten wünschenswerte Zukünfte des Lernens aussehen?
Dazu wählten die Teilnehmenden Bildkarten, notierten Hashtags/ Überschriften, stellten ihre Assoziationen vor und verbanden individuelle Perspektiven zu einem gemeinsamen visuellen Zukunftsraum. Genau darin liegt die Kraft dieser Methode, denn Zukunft wird nicht nur analysiert:
*Sie wird sichtbar gemacht.
*Sie wird verhandelbar.
*Sie wird gestaltbar.
Auf dem Moodboard zeigten sich Themen wie Individualisierung, Vernetzung, Transdisziplinarität, Technologie, Menschlichkeit, Reflexion, Kreativität, ökologische Verantwortung und neue Lernräume in der Natur. Diese Zukunftsbilder wurden anschließend mit passenden Magic Moments erweitert. Auf diese Weise entstand keine klassische Ergebnissammlung, sondern eine bildgewaltige, mehrdimensionale Collage: analog, digital, hybrid – emotional, technologisch und reflexiv zugleich.
Obwohl die Teilnehmenden sich nicht kannten, entstand ein offener Erfahrungsraum, der so intensiv wirkte, dass manche Personen zu Tränen gerührt waren. Aber im positiven Sinne. Solche besonderen Momente wirken so stark im Gehirn, dass die Inhalte auch Monate später noch besser in Erinnerung verbleiben. Eine wichtige Voraussetzung dafür, echte Handlungskompetenz über die Zeit hinweg zu erlangen.

Design Protopia: Zwischen Utopie und Dystopie
Im zweiten Teil des Workshops haben wir den Blick geweitet. Denn wer über die Zukunft des Lernens spricht, muss auch über die Zukunft der Arbeit sprechen. Dabei ging es bewusst nicht nur um 2030, sondern um unsere Zukunft in 2050.
Warum?
Weil 2030 oft noch nah genug ist, um bestehende Strukturen einfach weiterzudenken: ein bisschen mehr KI, ein bisschen mehr Automatisierung, ein bisschen mehr digitale Tools.
2050 zwingt uns, radikaler zu fragen:
*Welche Arbeit wird dann (noch oder erst recht) gebraucht?
*Welche Rollen entstehen neu?
*Welche Fähigkeiten werden bedeutsamer?
*Welche Verantwortung übernehmen Menschen in einer technologisch, ökologisch und gesellschaftlich veränderten Welt?
Genau hier setzt Design Protopia an. Dystopien lähmen oft. Utopien wirken schnell unerreichbar. Protopia fragt nach dem nächsten gestaltbaren Schritt. Nicht: Alles wird schlecht. Nicht: Alles wird perfekt. Es geht um iterative, kleine Schritte verbunden mit der Frage: Was können wir heute gestalten, damit morgen etwas besser wird?
Diese Haltung ist eng verbunden mit Futures Literacy: der Fähigkeit, Zukunft nicht als Vorhersage zu verstehen, sondern als mögliche Zükunfte, als wünschenswerte Szenarien, die gestaltbar sind und unsere Ressource für gegenwärtiges Denken und Handeln darstellen.

Jobprofile 2050: Zukunft wird konkret
Um die 2050-Perspektive greifbar zu machen, arbeite ich gerne mit den Scenona Cards, diese beschreiben und visualisieren 50 verschiedenen Zukunftsrollen für das Jahr 2050. Die Teilnehmenden wählten Rollen aus, stellten sie vor und diskutierten, welche Entwicklungen, Kompetenzen und Dilemmata darin sichtbar werden.
Ein paar Beispiele:
Algen-Lobbyistin
für Fragen nach Ernährung, Ressourcen, Klimaanpassung und nachhaltiger Industrieproduktion.
Avatar-Chirurgin
für medizinische Expertise, Hologramme, Remote-Operationen, Robotik und Verantwortung.
Cyborg-Beraterin
für das Zusammenspiel von Mensch, Technik, Sensoren, Prothesen und ethischen Entscheidungen.
KI-Trainerin
für die Frage, wie KI-Systeme verantwortungsvoll begleitet, geprüft und reguliert werden.
Klimaresilienz-Managerin
für Städte, Wasser, Pflanzen, Echtzeitdaten, KI und Anpassung an Extremwetter.
Mikrobiom-Hackerin
für ein neues Verständnis von Gesundheit, Körper, Daten, Nanotechnologie und personalisierter Therapie.
Mond-Präsidentin
für Governance, Teilhabe und politische Ordnung jenseits der Erde.
Myzel-Designerin
für nachhaltige Materialien, Pilzstrukturen, Design und ökologische Verantwortung.
Diese Rollen wirken im ersten Moment spielerisch, teilweise skurril oder irritierend. Aber genau darin liegt ihr Wert. Sie holen Zukunft aus der Abstraktion. Plötzlich sprechen wir nicht mehr allgemein über „Future Skills“. Wir sprechen über konkrete Situationen, Entscheidungen, Kompetenzen und Haltungen. Was müsste eine Avatar-Chirurgin lernen? Welche ethischen Fragen müsste eine Cyborg-Beraterin beantworten? Welche Datenkompetenz braucht eine Klimaresilienz-Managerin? Welche Verantwortung trägt eine KI-Trainerin? Zukunft wird dadurch nicht vorhergesagt, sie wird diskutier- und gestaltbar.

Echte Handlungskompetenz fördern: Vom Konsumieren ins Gestalten
Eine zentrale Frage des Workshops lautete:
Konsumierst du noch oder gestaltest du schon?
Diese Frage richtet sich nicht nur an Lernende. Sie richtet sich auch an Learning Professionals, Personalentwickler, Trainer, Führungskräfte und Organisationen. Denn auch im Corporate Learning besteht die Gefahr, Zukunft nur zu konsumieren:
*KI generierte Trendberichte lesen.
*KI generierte Medien (Podcasts, Präsentationen, Videos, Infografiken etc.) konsumieren.
*Unendliche Tool-Sammlungen testen.
*Etliche KI-Demos bestaunen.
*Ideen, Wissensschnipsel und Favoriten/ Links sammeln.
Doch zukunftsorientiertes Lernen beginnt dort, wo wir selbst gestalten. In Ko-Kreation mit anderen. Wo wir Lernräume entwickeln, in denen Menschen Zukunft ausprobieren können. Wo Technologien nicht Selbstzweck sind, sondern Erfahrungen ermöglichen. Wo Transfer nicht dem Zufall überlassen wird und wo Emotionen nicht als Störung gelten, sondern als Ressource für wirksames Lernen. Genau das machte meinen Workshop auf der LEARNTEC besonders.


Fazit: Die Zukunft des Lernens braucht Magic Moments
Die Zukunft des Lernens wird nicht allein durch KI, XR oder neue Plattformen entschieden. Sie wird dadurch entschieden, wie wir diese Technologien in sinnvolle Lernräume integrieren. Anbei meine begleitenden Folien zum Workshop.
Magic Moments sind dabei keine Spielerei. Sie sind bewusst gestaltete Momente, in denen Lernen emotional, kognitiv und sozial wirksam werden kann. Sie machen abstrakte Inhalte greifbar:
*Sie schaffen Erinnerungsanker.
*Sie öffnen Reflexionsräume.
*Sie verbinden Menschen mit Zukunftsbildern.
*Sie bringen Bewegung ins Denken & die Organisation.
Wenn Lernen in Zeiten von KI und Transformation wirksam sein soll, reicht es nicht, Inhalte schneller zu produzieren.
Wir müssen Lernräume gestalten, die Menschen berühren, irritieren, aktivieren und ins Handeln bringen.
Oder anders gesagt:
Create Experiences, not Lessons.
Du möchtest es selbst erleben? Dann schreib mir:
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